Der Weg zur Deglobalisierung?
- Valuedo Research
- 3. Juni 2024
- 3 Min. Lesezeit
Seit dem Beginn des Handelskriegs zwischen den USA und China im Jahr 2018 und besonders während der COVID-19-Pandemie machen sich Investoren zunehmend Sorgen über die sogenannte Deglobalisierung. Dieser Begriff beschreibt die Vorstellung, dass die Weltwirtschaft weniger vernetzt wird, was negative Auswirkungen auf Finanzmärkte, das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und Unternehmensgewinne haben könnte.
Die derzeitige Handelslage
Trotz dieser Sorgen bleibt die globale Wirtschaft stark miteinander verbunden. Die Integration der Weltwirtschaft und die damit verbundenen Vorteile für die Unternehmensgewinne sind weitgehend intakt. Zwei bedeutende Schocks, nämlich die Zölle der USA auf viele chinesische Importe und die beispiellosen Sanktionen gegen Russland aufgrund der Invasion in die Ukraine, haben die Handelsstrukturen stark beeinflusst. Dennoch zeigen die Handelsdaten, dass die Lieferketten flexibel und widerstandsfähig sind und sich die Produktion an andere Standorte verlagert.
Die USA haben beispielsweise Zölle auf etwa 66 % der Importe aus China verhängt, was zu einer deutlichen Verschiebung der Handelsströme geführt hat. Während Chinas Anteil an den US-Importen gesunken ist, haben Länder wie Mexiko, Vietnam, Indien und Thailand ihre Exporte in die USA erhöht. Besonders Mexiko und Vietnam haben stark von diesen Veränderungen profitiert, wobei Mexiko in US-Dollar ausgedrückt die größten Gewinne verzeichnen konnte.

Quellen: JP Morgan Asset Management, Haver Analytics, IMF
Nationale Sicherheit und kritische Importe
Obwohl die USA ihre Handelsabhängigkeit von China in vielen Bereichen reduziert haben, bestehen weiterhin erhebliche Abhängigkeiten bei kritischen Importen wie Pharmazeutika und fortschrittlichen Waffentechnologien. Diese Abhängigkeit wird von beiden politischen Lagern als erhebliches Sicherheitsrisiko angesehen. Präsident Joe Biden hat im November 2023 den Defense Production Act aktiviert, um die Produktion solcher kritischen Güter zurück in die USA zu holen.
Das größere Bild der Deglobalisierung
Ein genauerer Blick auf die Handelsdaten zeigt, dass China trotz des Handelskriegs seinen Anteil am globalen Exportmarkt erhöht hat. Allerdings hat die Diversifizierung der Lieferketten dazu geführt, dass andere Länder wie die Mitgliedstaaten der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) und Lateinamerika an Bedeutung gewonnen haben. Diese Diversifizierung ist positiv für das wirtschaftliche Wachstum in diesen Regionen und erhöht die Widerstandsfähigkeit des globalen Handelssystems gegenüber zukünftigen Schocks.

Quellen: JP Morgan Asset Management, Haver Analytics, IMF, Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis
Ein weiterer Aspekt der Deglobalisierung ist der Versuch der USA, ihre Abhängigkeit von China bei strategisch wichtigen Importen zu verringern. Dazu gehören lebenswichtige Medikamente und fortschrittliche Waffentechnologien. Dies geschieht vor dem Hintergrund erheblicher nationaler Sicherheitsbedenken.
Strategische Neuausrichtung der Handelsbeziehungen
Die USA und andere westliche Länder haben begonnen, ihre Handelsbeziehungen strategisch neu auszurichten. Es geht nicht nur um wirtschaftliche Vorteile, sondern auch um nationale Sicherheit. In diesem Zusammenhang spielt der Begriff "Reshoring" eine wichtige Rolle. Unternehmen verlagern ihre Produktionsstätten zurück in die USA oder in benachbarte Länder wie Mexiko, um die Versorgungsketten widerstandsfähiger zu machen und die Abhängigkeit von China zu verringern.
Die Demokratische Partei der USA unterstützt Maßnahmen, die darauf abzielen, die Produktionskosten im Inland und bei nahen Handelspartnern zu senken und die Nachfrage nach heimischer Produktion zu erhöhen. Beispiele hierfür sind der CHIPS Act von 2022 und der Inflation Reduction Act von 2023. Die Republikanische Partei hingegen konzentriert sich darauf, die Kosten für ausländische Produkte durch Zölle zu erhöhen.
Flexibilität und Resilienz der globalen Lieferketten
Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt, dass einige Länder erheblich von der Umverlagerung der Produktion profitiert haben. Während die Importe der USA aus China in einigen Kategorien stark zurückgegangen sind, haben Länder wie Vietnam und Mexiko erhebliche Gewinne verzeichnet. Beispielsweise ist der Export tarifierter Produkte aus Vietnam in die USA um 170 % gestiegen, während Mexiko die größten Gewinne in absoluten Zahlen verzeichnet hat, insbesondere bei Halbleitern und Autoteilen.
Diese Umverlagerung der Produktion zeigt die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der globalen Lieferketten. Unternehmen haben bewiesen, dass sie schnell auf neue politische Rahmenbedingungen reagieren und sich an geopolitische Risiken anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit hat dazu beigetragen, dass die Gewinnmargen der Unternehmen auf dem hohen Niveau bleiben, das durch die Globalisierung erreicht wurde.
Fazit: Ein flexibles globales Handelssystem
Die Flexibilität des globalen Handelssystems hat sich in den letzten Jahren als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Unternehmen haben gezeigt, dass sie schnell auf neue politische Rahmenbedingungen reagieren und sich an geopolitische Risiken anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit hat dazu beigetragen, dass die Gewinnmargen der Unternehmen auf dem hohen Niveau bleiben, das durch die Globalisierung erreicht wurde.
Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit der USA von China in strategisch wichtigen Bereichen bestehen. Es ist wahrscheinlich, dass US-Politiker weiterhin Maßnahmen ergreifen werden, um diese Abhängigkeit zu verringern. Dies bietet Chancen für verschiedene Länder in den Schwellenmärkten, die von diesen Trends profitieren könnten, je nach ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Handelsinfrastruktur.
Abschließend ist festzustellen, dass der Protektionismus in den USA und die damit verbundene Neuordnung der globalen Handelsströme sowohl Risiken als auch Chancen mit sich bringen. Während die Reduzierung der Abhängigkeit von China aus Sicherheitsgründen sinnvoll ist, bleibt die Herausforderung bestehen, eine Balance zu finden, die wirtschaftliches Wachstum und nationale Sicherheit gleichermaßen berücksichtigt.
Quellen: Noahpinion, JP Morgan Asset Management, International Monetary Fund, Haver Analytics, Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis
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